Gastautorin Dr. med. Sauer

Eine große Zahl von braven Bürgern, die eigentlich Verständnis für Beschränkungen und das eigene Zurückstecken aufbringen, um Menschen zu schützen, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf im Falle einer Coronainfektion haben und die auch das Gesundheitswesen vor einer eventuellen Überlastung bewahren wollen, wird zunehmend unruhig und wütend. So wie mit jedem Tag deutlicher wird, dass ein Großteil der hektisch in der Breite angelegten Lockdown-Maßnahmen spätestens seit Ende März 2020 auf das Infektionsgeschehen keinen nennenswerten Einfluss hatte, so werden die daraus resultierenden wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen, wenn nicht gar Abstürze, ebenfalls immer klarer und langsam auch spürbar.

Das eklatante Verschlafen, Bagatellisieren und Verleugnen unserer politischen Entscheidungsträger zu Beginn der Coronaepidemie wird nicht dadurch besser, in dem man stur an offensichtlich mindererfolgreichen bis sinnlosen Maßnahmen festhält, wenn der Zug sowieso schon längst abgefahren ist. Dass sowohl berufliche als auch gesundheitliche Risikogruppen nicht umgehend adäquat geschützt wurden und es nach wie vor oftmals nicht werden, ist ein Skandal, der sich nicht dadurch ausgleichen lässt, in dem man über Wochen oder gar Monate das ganze Volk in Käfighaltung sperrt, aus der nur mit irgendwas vor den Mund getütelt, ein begrenzter Freigang möglich ist.

Ich arbeite als Ärztin in einem Bereich, wo wir seit Februar, nein eigentlich schon seit Ende Januar, mit dem täglich größer werdenden Mangel an Schutzausrüstung konfrontiert sind. Einen wesentlichen Teil meiner Arbeitszeit verbringe ich seitdem damit, für vorerkrankte Personen, adäquate Atemschutzmasken für ihre gefährdenden Tätigkeiten aufzutreiben.

Während zwar nicht für jeden Bürger, wohl aber Fachleuten, bereits seit diesem Zeitpunkt klar war, dass der Kampf um die Ressource FFP-X-Maske mit jedem Tag härter werden und bald auch nicht mehr für das Personal direkt an der Corona-Front reichen würde, ließen sich führende deutsche Politiker noch dafür feiern, dass Atemschutzmasken, die von den eigenen vorerkrankten und gefährdeten Leuten dringend benötigt wurden, in den Iran oder an irgendwelche Palästinenserorganisationen verbracht wurden. Ebenso bleibt es verantwortungslos, dass in Deutschland noch fröhlich Karneval gefeiert und sich auf den Skipisten getummelt wurde, während man in Italien die ersten Gemeinden abriegelte, um die Ausbreitung des Coronoavirus einzudämmen und kurz darauf dort Armeelaster voller Leichen zu entfernteren Krematorien rollten, weil die örtlichen Friedhöfe, ebenso wie die Krankenhäuser, überfüllt und überlastet waren. Hätte es zum Fasching 2020 wenigstens eine Maskenpflicht, wenn schon keine Absage der Veranstaltungen, gegeben, dann müssten wir nicht jetzt bei sommerlichen Temperaturen mit Maultäschchen herumlaufen, egal, ob diese uns nun mehr oder weniger oder auch gar nicht schützen.

Das inzwischen propagierte Schaulaufen mit dem neuen Accessoire auf unseren Straßen mag uns dafür wenigstens, insbesondere denen, die sich als weiblich definieren, vielleicht ein ganz leises Gefühl dafür vermitteln, wie es den Frauen 1979 im Iran ergangen sein muss, als sie sich plötzlich mit einer neuen Kleiderordnung konfrontiert sahen, die ihnen seither verbietet, unverschleiert aus dem Haus zu treten. Es sollte uns vor allem hellhörig dafür machen, wie schnell sich auch bei uns neue Kleidungsstücke vorschreiben und durchsetzen lassen. Ich bin mir sicher, wenn „Corona“ Grund genug ist, den verpassten Maulkorb gleich noch optisch durch das Volk präsentieren zu lassen, so werden sich auch zukünftig immer wieder Gründe dafür finden lassen, um verschiedene Kleidervorschriften einer breiten Masse oder bestimmten Bevölkerungsgruppen zu verordnen.

Ich habe übrigens überhaupt gar nichts gegen eine Maskenpflicht – aber nur genau da, wo sie einen Sinn ergibt. Wir haben inzwischen Anfang Mai und die schicken Snutenpullis, die nun allerorten ausgeführt werden und in erster Linie, so scheint es, eine modische Funktion neben der beruhigenden erfüllen sollen, helfen der wirklich gefährdeten Krankenschwester, dem Altenpfleger oder Feuerwehrmann wenig bis gar nicht, wenn auch sie erst einmal ihre Nähmaschinen anwerfen müssen, um sich selbst mit inadäquaten Behelfsmasken für die Ausübung ihrer Tätigkeit, die für sie und andere nun tatsächlich mit einem nennenswerten Infektionsrisiko behaftet ist, auszustatten, weil es nach wie vor einen signifikanten Mangel an passender Schutzausrüstung gibt. Flächendeckende Maßnahmen nach dem Gießkannenprinzip sind kein Ersatz für eine professionelle Gefährdungsbeurteilung und ein daraus abgeleitetes zielgerichtetes, zeitliches, örtliches, sowie in Umfang, Intensität und auf die Tätigkeit angepasstes und geeignetes Schutzkonzept. Möglicherweise besteht ihr Zweck aber auch nur darin, das Versagen auf ganzer Linie zu übertünchen, vor allem wenn das Artikulieren von Widersprüchlichkeiten, die viel Schaden anrichten und in ihrer Sinnhaftigkeit hinterfragbar sind, als Verschwörungstheorie und irgendwas mit rechts diskreditiert wird.

Wunderbar beobachten kann man das jeden Samstag auf den verbotenen, sogenannten „Hygienedemos“ in Berlin, die von den üblichen Medien gern als „Irrsinn“ verunglimpft werden. Auch wenn die starke Meinungspluralität auf diesen Demos sehr ausgeprägt und vermutlich nicht nur förderlich ist, so ist es alles andere als irrsinnig, sondern mutig, wenn mündige Bürger ihre Bedenken gegen die Aufhebung elementarer Grundrechte und Freiheiten öffentlich äußern, was sie jedoch im Handumdrehen erst zum Spinner und dann zum Straftäter gemacht hat.

Und auch Ärztekader quält mitten in der Coronakrise die viel profundere Sorge, den Klimawandel im Krankenhaus mittels Green Hospitals zu stoppen, wie uns die Titelseite der Aprilausgabe des Deutschen Ärzteblattes verrät (1), während die eigenen Leute an der Basis schlecht ausgestattet verheizt werden und deshalb ihre blanken Bedenken schon verzweifelt nackt äußern, um Aufmerksamkeit für die echten Probleme ihres Berufsstandes zu erlangen (2).

Jeden Tag wird unsere Wirtschaft vorsätzlich mehr ruiniert, die Bildung unserer Kinder weiter heruntergefahren, die Gesundheitsversorgung ausgehöhlt, Existenzen vernichtet, die emotionale Tragfähigkeit der einzelnen Menschen strapaziert, aber vor allem unsere Demokratie fortgesetzt außer Kraft gesetzt. Kritiker an diesen Zuständen werden sanktioniert, mundtot gemacht und inzwischen sogar kriminalisiert, obwohl das Gleichgewicht unserer Gesellschaft immer mehr kippt. Dem steht gegenüber, dass nun wirklich gefährdete Berufsgruppen und gesundheitliche Risikogruppen in weiten Teilen nach wie vor keinen ausreichenden Infektionsschutz erhalten, obwohl das das Erste und Wichtigste gewesen wäre, was man umgehend hätte veranlassen und konsequent einhalten müssen!

Dr. Sauer ist Mitautorin im Buch “Schlussakkord Deutschland”

Der Beitrag erschien zuerst bei Vera Lengsfeld