Beispiele aus dem realen Leben

Ein Obdach in einem Gefängnis zu bekommen, ist in Deutschland nicht, so einfach. Während in den USA ein beträchtlicher Anteil der männlichen Bevölkerung sein Dasein im Knast fristet, muss man hierzulande schon einiges auf dem Kerbholz haben, um diese besondere staatliche Zuwendung in Anspruch nehmen zu dürfen.

Das musste im sächsischen Meißen ein verzweifelter Mann erfahren, der mit dem ungewöhnlichen Wunsch, verhaftet zu werden, auf der Polizeiwache erschien. Er hatte bereits zehn Jahre in einer Strafvollzugsanstalt wegen Totschlags abgesessen. Nach seiner Entlassung, ausgerechnet vor Weihnachten, hatte er große Mühe, sich in der Freiheit zurechtzufinden. Da konnte ihm auch der zugeteilte Bewährungshelfer wenig helfen. „Ich will wieder zurück ins Gefängnis!“ stellte er in der Wache unmissverständlich klar. Leider konnten die verblüfften Polizisten diesen expliziten Wunsch nicht erfüllen und schickten den Mann kurzerhand wieder nach Hause.

Violence, one caucasian man prisoner criminal with chain ball anIn Singen hatte ein reuiger Straftäter ebenfalls Pech. Ausgerechnet am Tag der offenen Tür begehrte er in das dortige Gefängnis Einlass und Unterkunft. Er wolle nun endlich seine Flucht beenden und seine Strafe absitzen, gestand er JVA-Beamten. Der Zeitpunkt für sein Begehren war jedoch überaus ungünstig, da sich gerade rund 700 neugierige Besucher in dem Gebäudekomplex aufhielten. Das Personal war an diesem Tag „mit Extrawünschen“ schlicht überfordert.  Allerdings wurde  nur der vom einsichtigen Straftäter selbst gewählte Aufenthaltsort abschlägig beschieden. Seinem Wunsch, sich zu stellen, gab man gerne nach und  bestellte ein „Polizeitaxi“, der ihn ins benachbarte Koblenz brachte. Dort darf er auf eigenen Wunsch statt einer Geldstrafe eine mehrwöchige Haftstrafe  absitzen,  Heizung, Bett und Verpflegung all inclusive.

 In Neuruppin musste wiederum einem 20-Jährigen dieser Luxus verwehrt bleiben. Immer wieder zeigte er sich selbst bei der Polizei wegen angeblicher Straftaten an, um in den Strafvollzug zu kommen. Als erstes wollte er an mehreren Tagen den Notruf missbraucht und die Beamten mit Nazi-Parolen, wie „Sieg Heil“ belästigt haben.  Zusätzlich habe er vier Fahrräder gestohlen und diese nach seinen Angaben anschließend einfach weggeworfen.

Die korrekten Polizeibeamten protokollierten alle Selbstanzeigen  gewissenhaft und der Mann durfte, sichtlich enttäuscht, wieder gehen. Einige Tage später versuchte es der erfolglose Straftatenvortäuscher erneut. Als er beobachtete, dass drei Personen, nach der Verwendung verfassungsfeindlicher  Symbole zur Feststellung ihrer Identität auf die Polizeiwache geführt wurden, witterte er eine neue Chance und wollte ebenfalls mitgenommen werden. Auch er habe „mitgemacht“ und mehrfach „Sieg Heil“ gerufen. Zu seinem Pech bestritten seine anderen  angeblichen Komplizen noch vor Ort vehement, dass dieser Typ zu ihnen gehören würde. Sein heimlicher Plan, so nun endlich Obdach im Knast zu finden, ging wieder nicht auf.

Immerhin konnten die Polizeibeamten dem nervenden Möchtegernkriminellen seine Motive entlocken: Er hatte  seinen Schlafplatz bei einem Kumpel eingebüßt und sei obdachlos. Ein Gefängnisaufenthalt im kalten Winter wäre ihm jetzt sehr angenehm. „Das Niveau“ wäre dort höher, als in einer Obdachlosenunterkunft.

Warum wollen Menschen freiwillig ohne Not in den Knast?

Dieses Kuriosum tritt immer wieder einmal auf. Erfahrene Polizeibeamte wissen das. Auch hat der Delinquent des letzten Beispiels nicht ganz unrecht, wenn er meint, dass der Unterbringungsstandard der staatlichen Justizvollzugseinrichtungen deutlich höher sei, als der mancher Obdachlosenunterkünfte.

Diese Menschen erhoffen sich  von einem Gefängnis  einen strukturierten Tagesablauf, den sie allein nicht mehr gestalten können,  Vorschriften darüber, wie der Tag zu verbringen ist, eine klare Hierarchie, die Möglichkeit, einer Gruppe anzugehören und wahrgenommen zu werden, außerdem  regelmäßige Mahlzeiten, Bettwäschetausch und die Gelegenheit, täglich duschen können. Das ist viel mehr, als manche „da draußen“ selbst organisieren können. Hinzu kommen Sportmöglichkeiten und ärztliche Versorgung, von denen Gefängnisinsassen profitieren.  Alkohol und illegale Drogen sind dagegen in der Regel  gar nicht oder nur beschränkt  verfügbar. Betroffene wissen: Ein Drogenentzug ist im Knast leichter. Deshalb hoffen manche, dass sie hier leichter ihrem Teufelskreis entkommen können. Tatsächlich kann die Lebenserwartung bei manchen Persönlichkeiten durch den Daueraufenthalt im  Strafvollzug deutlich über dem in der „Freiheit“ der Straße liegen. Der Strafvollzug ist  allerdings keineswegs eine bequeme Pension mit Rundumversorgung und birgt auch erhebliche Risiken und Schattenseiten für Insassen.  Brutale Hierarchien, Gewalt und Mobbing unter Gefangenen, schwere Körperverletzungen, sexueller Missbrauch und Vergewaltigungen, Folter, sogar Tötungsdelikte kommen vor. Experten gehen von einer hohen  Dunkelziffer unentdeckter Straftaten in deutschen Gefängnissen aus.  Siehe auch das Buch „Ratgeber Gefahrenabwehr* Begünstigt wird das durch den stetigen Personalabbau bei  Vollzugsbediensteten. Hier ist politische Klarsicht und Konsequent gefragt, doch viele Entscheidungsträger kennen zwar die Zustände, reagieren aber nicht.

 Fazit: Freiheit ist immer besser als eingesperrt zu sein. Aber die Freiheit beginnt immer zuerst im eigenen Kopf.

Steffen Meltzer

*Steffen Meltzer, „Ratgeber Gefahrenabwehr- Wie Sie Gewalt-und Alltagskriminalität in der Gesellschaft begegnen“, Ibidem Verlag Stuttgart, 2015, hier