Focus-online berichtet am 09.08.2016: »US-Forscher erklären psychologisches Profil: Das macht einen Menschen zum Amokläufer«. Einst waren ausschließlich Videospiele an Amokläufen »schuld«. Nein, so einfach ist das nicht. Menschen neigen zu simplen Erklärungen. Ich fasse mal die »üblichen Begründungen« für Amokläufe zusammen:

Waffen: Deren Besitz müsse eingeschränkt werden. Das hilft in Wirklichkeit lediglich illegalen Waffenbesitzern, denn diese geben
ganz bestimmt ihre Waffen nicht ab, währenddessen sich gesetztestreue Personen an Verbote und Einschränkungen halten. Die Erfahrung lehrt, wer sich eine Waffe beschaffen will, ist darin in der Regel erfolgreich. Ganz besonders einfach ist das in Berlin. Dort vermutet die Polizei tausende illegale Pistolen. Dafür ist es Berliner Polizisten untersagt, ihre Waffe vom und zum Dienst zu tragen, Waffenverbot außerhalb des Dienstes. So ist es zwar erwünscht, die Uniform zu tragen, aber ohne Waffe. Immerhin ist es damit gelungen, ausgebildete Profis an der Waffe zu zügeln, während man das von den illegalen Waffenbesitzern nicht behaupten könnte.

Depressionen: Menschen mit dieser Erkrankung begehen aber weniger Straftaten als »Normale«, das ist statistisch schon lange bewiesen. Depressive nehmen sich höchstens selbst das Leben, fallen aber durch Aggressionen gegenüber Dritten deutlich weniger auf, als »Nichtdepressive«. Ob der Co-Pilot Andreas Lubitz bei seinem mutmaßlich absichtlich herbeigeführten Flugzeugabsturz im Germanwings-Flug 4U9525 am 24.03.2015 mit 150 Toten »depressiv« war, darf man als »nicht bewiesen« betrachten.

Narzissmus: Diese neue Volkskrankheit wäre ein weiterer Grund. In Wirklichkeit findet man diese Persönlichkeitsstörung bei einer ganzen Reihe von Personen in Spitzenberufen und beim Hochleistungssport. Keiner hat davon jemals einen Amoklauf begangen. Der Anteil narzisstisch geprägter Menschen scheint zu steigen, je mehr an Vereinsamung und Individualisierung unsere Gesellschaft leidet. Der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz hat das hervorragend in seinem Buch »Die narzisstische Gesellschaft« beschrieben.

Medien: Diese würden zu viel und zu offen berichten. Nach meiner Wahrnehmung eher zu einseitig. Das wird sich auch nicht verhindern lassen, solange eine reißerische Berichterstattung über die Auflagenhöhe bestimmt. Das ist der Preis des Geldes, das jedes andere »vernünftige Argument« aussticht. Aber auch die Polizei hat die Bedeutung der sozialen Netzwerke inzwischen erkannt und nutzt diese selber fleißig für ihre Öffentlichkeitsarbeit. Selbst bei Terroranschlägen und Amokläufen.

Facebook und Co.: Nun sind wir schon bei der »Schuld« der sozialen Netzwerke. Das Feindbild Nummer eins, da man dort die Meinung nur schlecht kontrollieren kann. Nach meiner Beobachtung nutzt man auch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, um unliebsame Meinungen zu ver hindern, die ohne Zweifel durch die Meinungsfreiheit gedeckt werden. Ein fragwürdiges Instrument im Kampf gegen den Hass im Netz.

Natürlich dürfen die Videogewaltspiele als eine weitere Ursache in der Aufzählung der Wissenschaftler nicht fehlen. Vergleichbar sind Sportschützen auch keine potentiellen Mörder und Porschefahrer nutzen ihr Fahrzeug äußerst selten als Waffe. Das sind nichts weiter als gestreute Vorurteile, die ablenken sollen. Menschliches Verhalten ist sehr viel breiter angelegt und anerzogen. Solche einfachen Erklärungen gehen regelmäßig am Thema vorbei und sind populistisch.
Die eindeutige Mehrzahl der »Depressiven«, Waffenbesitzer, Medienkonsumenten, User in den sog. sozialen Netzwerken, Videospieler begehen keine Straftaten oder gar Amokläufe. Das alles sind reflexartige Nebelbomben, die nach solchen Ereignissen regelmäßig gestreut werden und höchstens sekundäre Gründe.

Warum gibt es zum Beispiel Mobbing an Schulen, Abziehen, Drogendealer, Körperverletzung, Diebstähle, Bedrohungen, Nötigung, üble Nachrede, Ausgrenzungen? Ganz einfach, weil DAS etwas mit gesellschaftlichen Zerfallserscheinungen zu tun hat. Kinder, Jugendliche, Jungerwachsene spiegeln diese Zustände. Menschen entfremden sich und reden nicht mehr miteinander. Stattdessen werden E-Mails geschrieben oder gleich Anwälte eingeschaltet. Ellenbogenmentalität macht sich breit. Konflikte werden mit verbaler und nonverbaler Gewalt ausgetragen, der Gegner muss vernichtet werden. Beispiele finden wir hierzu täglich massenhaft. Ein Betrüger gilt anerkennend als »clever«, wenn er mit seiner Masche durchkommt. Zweifelhafte »Vorbilder« finden sich auch in der Politik und Wirtschaft, siehe die ehemalige Bundestagsabgeordnete Petra Hinz, die ihren Lebenslauf geschönt hat.

Mehr Schein als Sein. Und das ist nur ein kleiner Teil der Ursachen, die dazu führen, dass Menschen austicken können.
Eine brisante Mischung kann sich zusätzlich ergeben, wenn Elternhäuser die Verantwortung für ihre Kinder an Institutionen abschieben.
Kommt dann noch fehlende Vorbildwirkung und emotionale Kälte hinzu, sind es oft die bis dahin Unscheinbaren, Stillen, die grauen Mäuse, die zu ungeahnten Amokläufen in der Lage sind. Deren Signale hat allerdings niemand vorher wahrgenommen oder wahrnehmen wollen. So kommen wir dem wirklichen Kern der Ursachen schon deutlich näher, als ständig neue triviale Verdächtigungen, die uns hier als angebliche »wissenschaftliche Erkenntnisse« verkauft werden sollen.

Diesen Text können Sie auch im Buch Schlussakkord Deutschland lesen