Steffen Meltzer

Immer wieder erreichen uns Nachrichten über Terroranschläge: In Frankreich tötete ein Polizeibediensteter vier seiner Pariser Kollegen; in Limburg raubte ein Syrer einen Lkw und rammte damit mehrere Pkws, dabei wurden neun Personen verletzt; in Halle werden nach einem gescheiterten Attentat auf eine Synagoge, zwei Personen getötet und zwei weitere verletzt.

In Deutschland meidet man die Bezeichnung „Terroranschlag“, wie der Teufel das Weihwasser, um es in „Amoklagen“ oder den Einzelfall eines verwirrten Täters umzudeuten. So wollte der Hessische Rundfunk schon wenige Stunden nach dem Anschlag in Limburg wissen, es könne sich nur „um eine nicht politisch motivierte Amokfahrt aus psychischen Motiven handeln“. Dabei war die Motivlage der Tat noch völlig unklar, da die Ermittlungen noch am Anfang standen. Auch in Halle rief die Stadt bereits kurze Zeit nach der Tat eine „Amoklage“ aus. Nachdem langsam klar wurde, dass der Anschlag von einem Rechtsextremisten begangen wurde, tat man sich mit der Bezeichnung „Terroranschlag“ deutlich leichter, um anschließend das zu tun, was man stets dem politischen Gegner vorwirft: die Tat wurde nach Ansicht der jüdischen Gemeinde zu Halle stark instrumentalisiert.

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Gemeinsamkeit und Unterschiede

Zwar bestehen bei der Vorgehensweise der Tat starke Ähnlichkeiten – in kurzer Zeit möglichst viele Menschen ermorden – jedoch unterscheidet sich die Motivlage. Terroranschläge sind politisch-ideologisch motiviert, Amokläufe erfolgen dagegen vorwiegend (wenn auch nicht ausschließlich) durch einzelne Personen in einem psychischen Ausnahmezustand. Hier steht die persönliche Rache für die erfolgten oder vermeintlichen Kränkungen und weniger eine politische Agenda im Vordergrund. Die meisten Amokläufer setzen ihrem Leben selbst ein Ende oder sterben durch eine Polizeiwaffe „freiwillig“ (Suicide by cop).

Terroristen versuchen, durch Anschläge die Rechtsordnung eines Staates zu destabilisieren und das Zusammenleben von Bürgern in einer Gesellschaft durch Chaos und Ängste langfristig zu strapazieren.

Natürlich kann man immer in die Versuchung geraten, politische Anschläge durch religiöse oder ideologisch-militante Eiferer mit einer psychischen Erkrankung gleichzusetzen und damit einen „Amoklauf“ anstatt eines „Terroranschlags “ zu attestieren. Warum sollte ein psychisch erkrankter bzw. gestörter Zeitgenosse keinen Terroranschlag begehen? Gegen diese Annahme spricht in der Praxis gar nichts. Auch ein Terrorist kann demzufolge in die geschlossene Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses zur Beobachtung und Untersuchung eingeliefert werden. Die Verführung, dahingehend die Bevölkerung zu beruhigen, es wäre nur ein „Verwirrter“ gewesen, scheint für Politiker, Behörden und einige Medien übergroß zu sein. In anderen Ländern ist man da pragmatischer. Als ein Mann in Manchester fünf Menschen mit einem Messer verletzte (andere Quellen schreiben von vier verletzten Personen), gingen die Ermittler selbstverständlich von einer Terrortat aus. Das hinderte diese jedoch nicht daran, den mutmaßlichen Terrorristen in die Psychiatrie einzuliefern.

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München: nach drei Jahren anstatt Amoklauf ein Terroranschlag

Für Deutschland gilt: Hauptsache kein Terroranschlag, es sein denn, ein rechtsextremer. Eine Rolle rückwärts erleben wir stattdessen zum Tatvorgang vom Juli 2016 am Olympia-Einkaufszentrum im München, bei dem ein junger Mann mit Migrationshintergrund neun Personen sowie sich selbst gerichtet und weitere verletzt hatte. Die Tat wurde als „Amoklauf“ klassifiziert und sorgte somit für einen Sturmlauf der Entrüstung bei den üblichen „Verdächtigungen“. Ganz vorn mit dabei die SPD und Grüne, aber selbstverständlich auch die Amadeu Antonio Stiftung. Dabei waren die psychischen Probleme des Täters unübersehbar. Probleme, die man anderen Attentätern nur zu gern zubilligt, wenn es darum geht, möglicherweise islamistisch-motivierte Anschläge in einen Amoklauf umzuschreiben.

Die Frage ist vielmehr, für welche Richtung man sich bei der Tatbewertung entscheidet, wenn beide Motivlagen in einer Mischform vorliegen. Auch sogenannte Beweise sind dann nichts anderes als Indizien, die man bewerten muss. Interpretationsspielräume sind immer möglich, vor allem wenn man abwägen muss, ob die psychische Störung/Erkrankung (z.B. narzisstische Kränkungen, Schizophrenie, Psychopathie und/oder Substanzmittelmissbrauch) oder der politische Wille zur Vernichtung das Primat haben. Böse Zungen behaupten dann nicht ohne Grund, dass sich die Waage zur erwünschten „politischen Korrektheit“ im ewig währenden „Kampf gegen Rechts“ neigen wird. So begradigt man politische Aufgeregtheit, aber nicht die eigentlichen Probleme.

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TV – Experte

Beruhigungspille „Risikoforscher“

Für den Fall des Falles, dass man nicht umhin kommt, einen Terroranschlag wie den von Anis Amri einräumen zu müssen, erklären uns bereitstehende „Risikoforscher“ eifrig einen Zusammenhang, der keiner ist: dass Autofahren viel gefährlicher ist, als das Risiko, Opfer eines Terroranschlags durch einen Islamisten zu werden. Die meisten Unfälle passieren sowieso im eigenen Haushalt, dort sterben auch die meisten Leute. Schließlich beschwert sich darüber auch keiner.

Den Opfern ist es egal, ob sie durch einen Amoktäter, Terroristen oder angeblich Traumatisierte sterben. Apropos posttraumatische Belastungsstörung (Post-Traumatic-Stress-Disorder, PTSD): Nicht jeder entwickelt dieses seelische Verletzungsbild nach belastenden Situationen, da angenommen wird, dass im westeuropäischen und US-amerikanischen Kulturkreis etwa 50 % aller Menschen in ihrem Leben mindestens ein Trauma erleben. Auch nicht jeder, der auf der Flucht war oder Kriegserlebnisse verarbeiten musste, leidet deshalb an einer PTSD. Eine Mär, die nach wie vor eine weite Verbreitung findet, um schwere Straftaten durch „Geflüchtete“ zu „begründen“.

Terroranschläge oder Amokläufe sind von Menschen künstlich erzeugte Kategorien, zur kriminologischen Einordnung von Verbrechen, mehr nicht. Bei einheimischen Tätern ist man medial deutlich schneller dabei, von einem Terrorverdacht zu berichten, als bei zugereisten Tätern aus fremden Kulturkreisen. Damit wird vor allem Politik gemacht, nicht ganz uneigennützig.