(Mit freundlicher Genehmigung durch Professor Feltes, zur Veröffentlichung auf meiner Homepage) 

Thomas Feltes, Universitätsprofessor, Dr. iur., M.A. Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik, Polizeiwissenschaft an der juristischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum

Jürgen Margraf, Wolfgang Maier (Hrsg.): Psychrembel. Psychiatrie. Klinische Psychologie. Psychotherapie. XXIV, 997 Seiten, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage 2012, De Gruyter Verlag, 978-3-11-026258-2 (ISBN), 44,95 Euro

Pschyrembel Klinisches Wörterbuch, XXIX, 2348 Seiten, 266., neu bearb. Aufl. 2015, De Gruyter Ver-lag, 978-3-11-033997-0 (ISBN), 49,95 Euro.

Die Relevanz der an dieser Stelle vorgestellten beiden Nachschlagewerke für polizeiliches Handeln erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Wer allerdings, sei es als Polizei-Insider, als Innenpolitiker oder auch als Wissenschaftler sich mit dem zunehmend verändernden Profil polizeilicher Tätigkeiten näher beschäftigt, kommt an diesen beiden Büchern nicht vorbei. Warum? Weil alle uni sono berichten, dass Kontakte und Auseinandersetzungen mit psychisch kranken Personen in den letzten Jahren stark zugenommen haben. Und weil auch die Zahlen dies zu belegen scheinen:

So schreibt Meltzer in einem aktuellen Beitrag in der Zeitschrift „Die Polizei“(1): „die zunehmende Tendenz psychischer Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen ist unübersehbar und die Folgen für die Polizei sind schon längst sichtbar. Videoaufnahmen über mehr oder minder gelungene polizeiliche Einsätze, wo sich Kolleginnen und Kollegen psychisch Kranken gegenübersehen, finden auf YouTube ein großes Publikum, teilweise auch sehr kritische Reaktionen“. (Anm. St.Meltzer: „Zunahme von psych. Krankheiten und Störungen bezieht sich im Zusammenhang auf damit verbundene polizeiliche Einsätze“) Otto Diederichs spricht von einem „Ausbildungsdefizit (in der Polizei) mit fatalen Folgen“ und schreibt in der gleichen Zeitschrift (2): Nicht immer ist eine psychische Störung sofort zu erkennen…. Im Ergebnis waren so 2013 bundesweit fünf der acht von Polizisten getöteten Menschen psychisch gestört oder befanden sich in einem mentalen Ausnahmezustand, wie starke Trunkenheit oder Drogenrausch. Laut der Schusswaffengebrauchsstatistik der Innenministerkonferenz (IMK) kam es in jenem Jahr zu 38 Fällen von polizeilichem Schusswaffengebrauch, bei denen zudem 20 Personen verletzt wurden“. Straftäter im „klassischen Sinne“ sind zunehmend seltener Opfer polizeilichen Waffengebrauchs, die spektakulären Fälle z.B. in Berlin (Neptunbrunnen) sind allgemein bekannt (3). Genug Grund also, sich auch als Polizist und Polizeiführer näher mit dieser Thematik zu befassen(4).

————————————————————————————————-

1 Steffen Meltzer: Die Gefahr aus dem „Nichts“. Der Umgang mit „auffälligen“ oder „instabilen“ Personen im polizeilichen Einsatz. In: Die Polizei 1, 2015, S. 4 ff.

2: Otto Diederichs: Der Mythos vom gefährlichen Irren. Ein Ausbildungsdefizit mit fatalen Folgen. In: Die Polizei 1, 2015, S. 10 ff.

3: Siehe die Berichte in der Süddeutschen Zeitung: http://www.sueddeutsche.de/panorama/tod-durch-polizeikugeln-wenn-polizisten-schiessen-statt-helfen-1.1975656 , der WELT: http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article13695661/Toedlicher-Schuss-auf-psychisch-Kranke-vermeidbar.html , im Berliner Kurier http://www.berliner-kurier.de/polizei-justiz/kriminologe-kritisiert-deutsche-polizeiausbildung-zweifel-an-dem-todesschuss,7169126,9681378.html, im RBB bzw. der Berliner Zeitung http://www.berliner-zeitung.de/berlin/rbb-reportage–toedliche-polizeikugeln–38-tote-bei-polizeieinsaetzen-bundesweit,10809148,27253490.html, der Sächsischen Zeitung http://www.sz-online.de/nachrichten/tod-durch-polizeikugeln-opfer-oft-psychisch-krank-statt-kriminell-2847971.html sowie zuletzt in der Deutschen Welle: http://www.dw.de/warum-polizisten-in-deutschland-nur-selten-schie%C3%9Fen/a-17880112 .

4: Auch Daten der gesetzlichen Krankenkassen belegen die steigende Relevanz psychischer Erkrankungen. Seit Jahrzehnten ist die Zahl der Fehltage (Arbeitsunfähigkeitstage) wegen psychischer Erkrankungen deutlich angestiegen: in den letzten 7 Jahren um mehr als 97 Prozent. Die psychischen Erkrankungen nehmen zu, und zwar nicht nur als zweithäufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibung bzw. Arbeitsunfähigkeit. Allerdings sind diese Zahlen mit Vorsicht zu interpretieren, worauf Jörg Blech (Die Psychofalle. Wie die Seelenindustrie uns zu Patienten macht. S. FISCHER; 288 Seiten; 19,99 Euro) hinweist. Die Zahlen gehen zurück auf Ärzte, die in den vergangenen Jahren immer mehr psychische Störungen diagnostiziert und auf diese Weise die Statistiken nach oben getrieben haben. Dieser Anstieg der Diagnosen bedeutet aber keineswegs, dass psychische Störungen heute häufiger vorkommen als früher. Der Autor Blech berichtet von Analysen in denen die tatsächliche Verbreitung von seelischen Störungen betrachtet wird. So fanden 44 Studien zur Verbreitung seelischer Störungen keine eindeutige Tendenz. In den Industriestaaten des Westens sollen die psychischen Störungen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zugenommen haben. „In westlichen Staaten geht schließlich auch die Zahl der Suizide stark zurück. In Deutschland ist sie seit Anfang der achtziger Jahre ungefähr um die Hälfte gesunken. Jeden Tag nehmen sich rund 20 Menschen weniger das Leben als vor dreißig Jahren. Die Abnahme der Suizidrate, die Zahlen zur Lebenszufriedenheit sowie die Studienergebnisse zur Verbreitung der psychischen Störungen bieten „sogar die Möglichkeit, über eine Abnahme eben dieser zu spekulieren“, sagen die Münsteraner Forscher. Die Epidemie der psychischen Störungen ist ein Mythos.“ http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/depression-angststoerung-psychische-krankheiten-sind-kein-volksleiden-a-961171.html

5: Vgl. mein Interview mit der ZEIT: http://www.zeit.de/2012/42/Polizeigewalt-Interview s.a. den Beitrag von Sabine Rückert, Strafsache Polizei in der ZEIT: http://www.zeit.de/2012/40/DOS-Polizeigewalt-Deutschland  

————————————————————————————————-

Wie aber kann das geschehen? Sicherlich müssen Psychologen in der Polizeiausbildung auf dieses Problem eingehen, und sie tun dies auch. Vielleicht länderunterschiedlich intensiv, und vielleicht aber auch mit unterschiedlichem Erfolg. Jedenfalls haben die erschreckenden Fälle der letzten beiden Jahre gezeigt, dass sich viele Polizeibeamte nicht in der Lage sind, auf akute Probleme und Gefähr-dungen angemessen zu reagieren und dass mehr Aus- vor allem aber mehr Fortbildung von Nöten ist.

Die USA kennen dieses Problem übrigens schon seit vielen Jahrzehnten. Dort haben sich Ausbildung und Einsatztaktik in solchen Fällen dramatisch verändert, nachdem mehrere Polizeibehörden (u.a. in New York) zu Schadensersatz in Millionenhöhe verurteilt wurden, weil Richter der Auffassung waren, dass die Polizei solche Situationen anders als mit (Todes-)Schüssen bewältigen können muss.

Wenn Polizisten die Kontrolle über heikle Situationen verlieren, drohen Gewaltexzesse (5). Und irgendwann wird auch in Deutschland ein Richter erstmals die Frage aufwerfen, ob die Polizei keine Alternative hatte, als einen offensichtlich psychisch gestörten, gewaltbereiten Täter zu erschießen. Die Polizeibehörden sollten nicht bis dahin warten, sondern schon jetzt ihre Aus- und Fortbildung umstellen.

Und hier kommen nun die beiden vorgestellten Bücher ins Spiel: Beide geben (zu erschwinglichen Preisen!) eine sehr gute, aktuelle und meist auch ohne Vorkenntnisse lesbare Übersicht über medizi-nische und psychische Auffälligkeiten.

Das Buch „Pschyrembel. Psychiatrie, Klinische Psychologie, Psychotherapie“ ist dabei das ideale Nachschlagewerk zum gesamten Themengebiet psychische Gesundheit und psychische Störungen. Die mehr als 9.500 Begriffe wurden in Zusammenarbeit von jeweils einem Herausgeber aus der Psychiatrie und der Psychologie bearbeitet, wodurch die gleichwertige Berücksichtigung psychiat-rischer und psychotherapeutischer Themen gewährleistet ist.

„Der“ Pschyrembel (das „Klinische Wörterbuch“) hingegen gilt als die Informationsquelle der Medizin – die Tatsache, dass aktuell die 266. Auflage vorliegt, spricht für sich. Diese Auflage enthält mehr als 700 neue (!) Fachbegriffe (insgesamt sind es 36.000, die erläutert werden), 400 neue Abbildungen und Tabellen und umfassende Aktualisierung der Fachgebiete Anästhesiologie, Intensivmedizin, Not- fallmedizin, Schmerztherapie, Katastrophenmedizin, Zahnmedizin. Der Pschyrembel bietet umfas-sendes Wissen aller medizinischen Fachgebiete. Es ist das Standard-Nachschlagewerk für aktuelles, gesichertes, medizinisches Fachwissen. Die Zuverlässigkeit und Qualität der Einträge wird durch mehr als 220 renommierte Autoren sichergestellt. Den Psychrembel gibt es auch als App für Phone, Pad oder Pod touch und als App für Android-Geräte. Zudem als Onlineversion Pschyrembel Klinisches Wörterbuch Online (Testzugang ein Monat frei, Code im Buch).

Beide Bücher können als Nachschlagwerk in einem konkreten (polizeilichen) Fall, aber auch zur all-gemeinen Fortbildung dienen – letzteres durchaus auch bei eigenen Krankheiten im persönlichen Umfeld, nicht nur bei psychischem Hintergrund.

Also: Polizei-Fachhochschulen sollten diese beiden Werke als in jedem Fall in ihrer Bibliothek haben, damit Studenten, Dozenten, aber auch Polizeipsychologen darauf zurückgreifen können. Und auch so mancher Polizei-Einsatzleiter kann durchaus mal in diesen Werken blättern, wenn er sich auf den nächsten Einsatz vorbereitet. Vor allem in Großstädten. Denn es könnte ein Einsatz sein, in dem es um Leben und Tod einer psychisch gestörten Person geht, und in dem entsprechendes Wissen das Leben dieser Person, aber auch das Leben seiner eingesetzten Polizeibeamten retten könnte.

Thomas Feltes, Februar 2015

Quellen:

————————————————————————————————

Anmerkung: Hier geht es zum, von Prof. Feltes, zitierten Artikel: https://www.steffen-meltzer.de/die-gefahr-aus-dem-nichts/